
Manchmal sind es genau die Spiele, bei denen man im ersten Moment denkt: „Puh… das sieht aber ganz schön roh aus“, die einen dann aber völlig unerwartet erwischen. Genau so ging es mir mit Heretical von Three Swords Studio, veröffentlicht von Ultimate Games S.A. und Ultimate Publishing.
Ich habe Heretical auf dem PC gespielt und bin inzwischen viele Stunden darin versunken. Und ja: Mein erster Eindruck war eher Skepsis. Die Grafik wirkte auf den ersten Blick abschreckend reduziert, fast schon technisch schwach. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, was mich hier erwartet.
Und dann hat es klick gemacht.

Einstieg, Stirb, Versteh, Mach weiter.
Heretical erklärt sich nicht. Es wirft dich in seine Welt und lässt dich dort erstmal allein. Kein klassisches Tutorial, keine langen Texte, keine Komfortzone. Du stirbst früh. Und du stirbst oft. Aber anders als in vielen Roguelikes fühlt sich das Sterben hier nicht wie ein reiner Reset an, sondern wie ein integraler Bestandteil der Erfahrung.
Zu Beginn steht dir nur eine einzige Klasse zur Verfügung. Kein Auswahlmenü voller Optionen, kein sofortiges Power-Fantasy-Gefühl. Du bist schwach, eingeschränkt und orientierungslos und genau das passt perfekt zur Welt, in der du dich befindest. Erst im Laufe des Spiels, direkt in den Leveln, findest du weitere Klassen und schaltest sie nach und nach frei. Jede neue Klasse fühlt sich wie ein echter Fortschritt an, nicht wie ein beiläufiger Unlock. Du musst sie dir verdienen durch Risiko, Erkundung und Überleben.

Gameplay klassisches Roguelike, konsequent umgesetzt
Spielerisch bewegt sich Heretical klar im Roguelike Universum.
Du kämpfst, tötest, stirbst und beginnst von vorn. Auf deinen Runs findest du neue Ausrüstung oder kaufst sie bei Händlern, verbesserst deinen Charakter und lernst, mit der Welt umzugehen. Beim Levelaufstieg wählst du klassisch aus drei Fertigkeiten, die sich weiter aufwerten lassen. Zusätzlich gibt es einen kleinen, aber wirkungsvollen Fertigkeitsbaum, über den du permanente Werte verbesserst.
Das System ist vertraut, aber gut strukturiert. Besonders angenehm, Die Progression fühlt sich organisch an. Gegner und Mini-Bosse, die dich anfangs noch gnadenlos zerlegen, werden mit der Zeit spürbar leichter. Nicht, weil das Spiel nachsichtiger wird, sondern weil du stärker wirst und besser.
Heretical ist dabei kein hektisches Action-Gewitter. Es verlangt Aufmerksamkeit, Positionierung und Geduld. Fehler werden bestraft, Übermut sowieso. Wer hier gedankenlos durchrennt, wird schnell wieder am Anfang stehen.

Grafik & Stil roh, reduziert, wirkungsvoll
Grafisch ist Heretical alles andere als beeindruckend zumindest auf dem Papier.
Die Präsentation ist technisch einfach, Texturen sind schlicht, Animationen reduziert, Effekte minimalistisch. Wenn man es hart formulieren will, bewegt sich die Optik irgendwo auf einem Niveau, das an frühe Indie Projekte oder grobe Sandbox Grafik erinnert.
Aber diese Rohheit ist kein Zufall.
Heretical setzt auf einen düsteren, stark reduzierten Stil mit dunklen Räumen, harten Kontrasten und schwerer religiöser Symbolik. Farben sind selten, Licht ist oft spärlich. Kleine visuelle Effekte werden gezielt eingesetzt, um emotionale Wirkung zu erzeugen nicht, um zu beeindrucken.
Hochwertige Texturen oder komplexe Animationen stehen klar nicht im Fokus. Und ehrlich gesagt: Sie würden der Atmosphäre eher schaden. Heretical lebt davon, unbequem auszusehen.

Sound das eigentliche Herz des Spiels
Der Sound ist eine der größten Stärken von Heretical.
Unangenehme Geräusche, leises Flüstern, entfernte Klänge, plötzliches metallisches Knacken all das sorgt für eine konstante, unterschwellige Anspannung. Musik wird nur sehr sparsam eingesetzt, oft herrscht Stille. Und genau diese Stille fühlt sich fast bedrohlicher an als jeder Soundtrack.
Besonders mit Kopfhörern entfaltet das Spiel seine volle Wirkung. Der Sound trägt maßgeblich dazu bei, dass sich Heretical durchgehend beklemmend anfühlt. Hier wird nicht mit Jump-Scares gearbeitet, sondern mit Atmosphäre. Es ist dieser leise Druck, der nie ganz verschwindet.

Story, Glaube, Schuld und das Gefühl, Teil des Problems zu sein
Heretical erzählt seine Geschichte nicht klassisch. Es gibt keine langen Dialoge, keine Cutscenes, die dir alles vorkauen. Stattdessen wirst du in eine fanatisch geprägte Welt geworfen, in der Religion, Strafe und Selbstgeißelung allgegenwärtig sind. Alles fühlt sich falsch an und genau dieses Gefühl trägt dich durch das Spiel.
Die Handlung entfaltet sich Stück für Stück über Umgebungen, Symbole, kurze Textfragmente und Situationen, die mehr andeuten als erklären. Du beginnst langsam zu begreifen, dass dieses System aus Glauben und Bestrafung längst aus dem Ruder gelaufen ist. Noch unangenehmer wird es in dem Moment, in dem klar wird: Du stehst nicht außerhalb dieses Systems. Du funktionierst darin. Vielleicht hast du es sogar mit aufgebaut.
Heretical setzt nicht auf große Enthüllungen oder überraschende Wendepunkte. Stattdessen entsteht ein stetiger Druck, ein Gefühl von Mitverantwortung, das mit jedem Run stärker wird. Die Geschichte lebt davon, dass sie dir Raum lässt, Raum zum Nachdenken, zum Interpretieren und zum Unwohlsein. Wer bereit ist, genau hinzuschauen und zwischen den Zeilen zu lesen, entdeckt eine düstere Erzählung, die weniger unterhalten will als vielmehr nachwirkt.

Technik funktional, aber nicht makellos
Performance und Stabilität sind größtenteils in Ordnung, kleinere Unsauberkeiten tauchen aber immer wieder auf. Die reduzierte Grafik hilft dabei, größere Einbrüche zu vermeiden, gleichzeitig merkt man an manchen Stellen, dass hier kein riesiges Budget im Hintergrund steht.
Nichts davon ist spielentscheidend aber es erinnert daran, dass Heretical kein poliertes AAA-Spiel sein will, sondern ein kompromissloses Indie-Projekt.

Fazit: unbequem, roh und genau deshalb stark
Heretical ist kein Spiel für jeden.
Wer klare Erklärungen, saubere Optik und schnelle Erfolgsmomente sucht, wird hier eher abgeschreckt. Doch wer sich auf eine düstere, kompromisslose Roguelike Erfahrung einlassen kann, bekommt ein Spiel mit ungewöhnlich viel Atmosphäre und erzählerischem Gewicht.
Die Grafik ist technisch schwach, aber stilistisch passend.
Das Gameplay ist klassisch, aber effektiv.
Der Sound ist herausragend.
Und die Story bleibt im Kopf nicht, weil sie laut erzählt wird, sondern weil sie dich nicht loslässt.
Heretical hat mich erwischt.
Nicht trotz seiner Ecken und Kanten sondern genau wegen ihnen.

